Aufschieberitis Aufschieben

Wann sich das Aufschieben lohnt

Aufschieben, etwas auf die lange Bank schieben – das gilt als Zeichen von Schwäche, von mangelnder Disziplin. Ein altes deutsches Sprichwort lautet: „Des Teufels liebstes Möbelstück ist die lange Bank.“

Aber nicht jedes Aufschieben ist schlecht

Es kann sein, dass wir bei einem Projekt zuerst gut vorangekommen sind, dann aber plötzlich hängen bleiben und uns immer wieder beim Aufschieben ertappen. Das ist nicht selten ein Hinweis darauf, dass irgendetwas in dem Projekt nicht mehr passt oder noch nicht passt.

Es kann zum Beispiel sein,

  • dass wir uns in einem Projekt verrannt haben,
  • dass wir mittendrin die falsche Abzweigung genommen haben,
  • dass sich unser Ziel verändert hat,
  • dass wir ein Problem oder Thema noch nicht richtig durchdrungen haben,
  • dass wir ein Problem noch nicht gelöst haben,
  • dass wir eine Entscheidung noch nicht getroffen haben.

In diesen und ähnlichen Fällen ist das Aufschieben Teil des Prozesses, es gehört dazu. Es ist entweder nötig, weil etwas noch nicht „verdaut“ ist. Oder es ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt.

Wo genau klemmt es?

Wo genau es haken kann, machen diese Beispiele deutlicher.

Aufschieberitis

1. Im Projekt verrannt

Eine Romanautorin hatte mir erzählt, dass sie bei einem ihrer Bücher im letzten Drittel hängen blieb und über Wochen nicht vorankam. Sie plant den Plot (also den Handlungsablauf) ihrer Bücher immer ganz detailliert, bevor sie mit dem Schreiben loslegt. Das hatte jahrelang funktioniert, nur bei diesem einen Roman nicht. Sie war kurz davor, das Projekt „auf immer und ewig in der Schublade verschwinden zu lassen“.

Wir schauten uns gemeinsam an, was sie schon geschrieben hatte und wie es weitergehen sollte. Der Plot war schlüssig, er hatte tolle Wendepunkte, bis zum Schluss war es spannend. Was nicht passte, das war der Gegenspieler des Protagonisten. Dieser Gegenspieler würde sich nie so verhalten, wie der Plot das an mehreren Stellen vorsah. Und an einer dieser Stellen war die Autorin stecken geblieben.

Da half nur: Einen Schritt zurücktreten, sich das Ganze mit etwas Abstand anschauen und dann eine Entscheidung treffen. Die Autorin nahm den widerspenstigen Gegenspieler aus der Geschichte und baute einen anderen ein, der viel besser passt. Der widerspenstige Gegenspieler macht inzwischen in ihrem nächsten Roman dem Helden das Leben schwer.

2. Ein inhaltliches Problem ist noch nicht gelöst

Ich habe lange Zeit Artikel und Blogbeiträge für Verlage und Firmen geschrieben. Bei einigen davon bin ich nach zügigem Start gegen eine imaginäre Wand gelaufen – plötzlich ging es nicht weiter, und ich hatte erst einmal keine Ahnung, was los war.

Mit etwas Abstand wurde mir dann klar, wieso ich auf einmal wie blockiert war. Dafür gab und gibt es ganz unterschiedliche Gründe:

  • Die Artikelidee klang zwar gut, reichte aber nicht für einen längeren Artikel.
  • Ich hatte einen Anfang, wusste aber nicht, wie es weitergehen sollte.
  • Ich hatte die Überschrift und den Schluss des Artikels, wusste aber nicht, wo ich anfangen und wie ich elegant zum Schluss kommen sollte. Anders ausgedrückt: Es fehlte mir noch der rote Faden.
  • Die Grundthese des Artikels stimmte einfach nicht.
  • Ich war von zwei Leuten gebrieft worden, die Briefings widersprachen einander aber (teilweise oder komplett).
  • Das vom Kunden gewünschte Artikelthema war Käse. Und ich ärgerte mich, dass ich überhaupt zugesagt hatte.

Um nur die Gründe zu nennen, an die ich mich gerade erinnere.

In diesen Fällen war es letztlich nachvollziehbar, warum ich mittendrin ins Stocken geraten war. Da war entweder ein klärendes Gespräch mit den Auftraggebern nötig oder mehr Recherche, weitere Überlegungen oder eine zündende neue Idee.

3. Ein persönliches Problem ist noch nicht gelöst

Nicht selten wird Aufschieben durch Selbstzweifel und Ängste ausgelöst: Kann ich das überhaupt? Bin ich gut genug? Was wenn ich scheitere? Was wenn es ein voller Erfolg wird – kriege ich dann von den Neidern eins auf den Deckel?

In diesem Fall ist das Aufschieben in der Regel nicht besonders produktiv. Dann ist das Aufschieben kein wichtiger Hinweis, dass INHALTLICH etwas nicht stimmt. Dann ist das Aufschieben eine (meist unbewusste) Vermeidungsstrategie: Ich versuche, die Situation zu vermeiden, vor der ich Angst habe.

Darum soll es in diesem Beitrag allerdings nicht gehen – auch weil da die Tipps aus diesem Beitrag nicht weiterhelfen. Da ist es nötig, sich mit den Zweifeln und Ängsten zu beschäftigen – das ist ein Fall für ein Coaching oder auch für mein Seminar, bei dem du lernen kannst, wie du die Aufschieberitis ablegst.

Aufschieberitis

Wie erkenne ich, ob es sich um unproduktives Aufschieben handelt oder ein wichtiger Teil des Prozesses ist?

Der allererste Schritt ist: Bemerken, dass man gerade am Aufschieben ist. Da hilft die Frage: Tue ich gerade, was jetzt zu tun ist? Oder weiche ich aus, treibe mich auf Social-Media-Netzen herum, spiele etwas oder …?

Wenn ich selbst mich beim Aufschieben ertappe, mache ich buchstäblich einen Schritt nach hinten. Das heißt: Ich stehe auf und gehe weg vom Arbeitsplatz. Ich stelle Abstand her – solange ich mittendrin (in der Scheiße) sitze, kann ich nicht klar sehen.

Ich versuche, in Bewegung zu kommen. Körperlich – und damit auch geistig.

Oft reicht es schon, in die Küche zu gehen oder raus aus dem Haus. Und manchmal braucht es einen kurzen oder einen längeren Spaziergang.

Auf dem Spaziergang oder danach frage ich mich:

  • Was stimmt an der Geschichte (oder Idee oder …) nicht?
  • Wenn ich einen Schritt zurückgehe: Wie sieht es dann aus?
  • Kann es sein, dass ich mich verrannt habe?
  • Kann es sein, dass mein ursprüngliches Ziel nicht mehr passt?
  • Kann es sein, dass ich … noch nicht verstanden habe?
  • Kann es sein, dass ich mir zu viel vorgenommen habe? Oder dass ich zu viel will?
  • Brauche ich vielleicht noch mehr Infos, um entscheiden zu können?

Wenn ich eine dieser Frage mit Ja beantworte (bzw. auf die ersten beiden Fragen eine Antwort habe): Wunderbar, dann weiß ich, wo es gilt, genauer hinzuschauen.

Falls nichts davon zutrifft, frage ich mich:

  • Was vermeide ich gerade?
  • Was will ich gerade nicht spüren?

Dann lasse ich mir viel Zeit, um nachzuspüren.

Wenn ich Unruhe spüre, Unsicherheit, vielleicht auch Angst, dann dient mein Aufschieben höchstwahrscheinlich dazu, etwas zu vermeiden: Ich will einer Situation ausweichen, in der ich nicht stecken will, vor der ich Angst habe.

Teufelskreis Aufschieberitis

Solche negativen Gefühle löse ich nicht durch Vermeiden und Aufschieben. Eher im Gegenteil. Aufschieben führt in einen regelrechten Teufelskreis: Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein, oder Angst, mit meiner Aufgabe zu scheitern. Wenn ich dann aufschiebe, führt das zu Selbstvorwürfen und zu Druck (die Deadline rückt näher, und ich hab noch nichts vorbereitet – das macht Druck). Ich fühle mich schlecht, mache mir noch mehr Vorwürfe, das erhöht die Selbstzweifel und die Angst vor dem Scheitern …

Um da auszusteigen, nutze ich eine oder zwei Methoden, die mir helfen, mit Angst, Unsicherheit bzw. Zweifeln umzugehen.

Und wie komme ich wieder ins Tun?

Die beiden wichtigsten Schritte sind schon getan: Abstand herstellen und für Klarheit sorgen.

Solange ich – bildlich gesprochen – im Sumpf sitzen bleibe, kann ich nicht erkennen, was der wahre Grund für mein unproduktives Verhalten ist. Ich sitze ja noch mittendrin im Sumpf.

Mir hilft dann der Blick von außen: Entweder mein eigener Blick, wenn ich einige Schritte nach hinten getan habe und mit Abstand auf mich und mein Tun (bzw. Nicht-Tun) blicke. Oder ich hole mir Unterstützung von außen und erzähle jemand anderem, wo ich gerade hängen geblieben bin. Oft merke ich selbst bereits beim Erzählen, wo es hakt – und wenn nicht, helfen mir die Nachfragen oder Kommentare meines Gegenüber, klarer zu sehen.

Was mir überhaupt nicht hilft: Mich mit Social Media, News-Lesen oder Herumdaddeln abzulenken. Das macht mich nicht „satt“, da entsteht nur das schale Gefühl, meine Zeit verplempert zu haben. Das Problem löst sich so nicht auf.

Das bestätigen auch meine Klienten und die Teilnehmer*innen an meinem Aufschieberitis-Seminar.

Viel besser geht es mir, wenn ich mir ganz bewusst eine Auszeit nehme. Wenn ich – wie oben beschrieben – mit dem Problem spazieren gehe.

Oder wenn ich mich entscheide, mir etwas Gutes zu tun. Wenn ich zum Beispiel mitten im Arbeitstag eine halbe Stunde in einem Roman lese, Musik höre oder etwas anderes tue, was ich während der Arbeitszeit normalerweise nicht tue. Das macht mich satt, und dann kommt früher oder später auch die Lösung des Problems.

 

Zu den Bildern

Das Titelbild stammt von Miha Rekar (via Unsplash). Die anderen Fotos stammen von Genessa Panainte (via Unsplash) bzw. Depositphotos, das Diagramm von mir.

 

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