Die Stationen der Heldenreise

Das Heldenreise-Seminar von Paul Rebillot baut auf der von Joseph Campbell herausgearbeiteten Grundstruktur auf, die Märchen und Mythen auf aller Welt zugrunde liegt, die hero’s journey. Rebillots Heldenreise ist nicht identisch mit der Struktur, die Campbell gefunden hat – dazu mehr am Ende dieses Beitrags.

Zunächst erläutere ich Campbell’s hero’s journey.

Die Heldenreise nach Joseph Campbell

Campbell zufolge hat eine typische Heldenreise folgende Stationen:

1. Der Ruf: Der Protagonist wird vor eine Aufgabe gestellt – entweder von außen (jemand bittet ihn, etwas zu tun, es tritt ein Ereignis ein, auf das er reagieren muss, …) oder aus innerem Antrieb heraus.

2. Weigerung: Oft zögert der Protagonist – schließlich müsste er die Sicherheit des gewohnten Terrains (den warmen Herd) verlassen.

3. Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise; manchmal braucht es dazu einen mehr oder weniger sanften Schubs von außen. Erst wenn er sich auf den Weg macht, spricht man von Held.

4. Die erste Schwelle: Mit dem Aufbruch überschreitet der Held die Schwelle von der gewohnten Welt in die unbekannte Welt. Ein Zurück ist nun nicht mehr möglich.

5. Weg der Prüfungen: Es treten erste Hindernisse/Probleme auf; oft scheitert der Held erst einmal, geht aber weiter seinen Weg.

6. Mentoren/Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren und erhält menschliche oder übernatürliche Unterstützung.

7. Schwere Prüfungen: Der Held wird mit weiteren Prüfungen konfrontiert, meist mit steigendem Schwierigkeitsgrad. Auch hier kann der Held Unterstützung durch Mentoren oder andere Personen erhalten.

8. Höchste Prüfung (z. B. Kampf mit dem Drachen): Diese erweist sich häufig als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen.

9. Elixier: Initiation und Transformation des Helden. Er besteht die höchste Prüfung und erhält eine Belohnung bzw. raubt einen Schatz (das Elixier, so Campbell), der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten kann. Dieser Schatz besteht meist in einer inneren Erfahrung, die durch einen Gegenstand symbolisiert wird.

10. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert, in die Welt des Alltags zurückzukehren.

11. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt.

12. Rückkehr/Zweite Schwelle: Der Held überschreitet die Schwelle und kehrt in die Welt zurück, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Dort stößt er häufig zunächst einmal auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Errungene/Gelernte in das Alltagsleben integrieren.

13. Herr zweier Welten: Der Held vereint das Alltagsleben mit seinem neu erworbenen Wissen und lässt die Gesellschaft teilhaben.

Wohlgemerkt: Diese 13 Schritte sind ein Grundgerüst. Nicht jedes Märchen, nicht jeder Roman oder Kinofilm hat alle diese Elemente. Manche Helden stürzen sich gleich nach dem Ruf ins Abenteuer, die Phasen 5 bis 7 können unterschiedlich lang sein.

Hinweis: Lt. Wikipedia und anderen Quellen besteht die Struktur nach Campbell aus 12 Schritten. In Campbells Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ zähle ich 16 Schritte, die ich hier zu 13 zusammengefasst habe.

Die Heldenreise-Struktur bei Paul Rebillot

Die Struktur des Heldenreise-Seminars von Paul Rebillot ist nicht hundertprozentig identisch mit der Heldenreise-Struktur nach Joseph Campbell. So nimmt aus dramaturgischen Gründen in Rebillots Seminar der Teil bis zur ersten Schwelle größeren Raum ein, und der Weg der Prüfungen ist vergleichsweise kurz.

In Märchen und Hollywood-Filmen dagegen wird gerade der Weg der Prüfungen sehr stark ausgeschmückt, weil da der Zuhörer bzw. Zuschauer so schön mit dem Helden mitfiebern kann. Darum geht es jedoch in Rebillots Heldenreise-Seminar nicht – im Seminar geht es um die persönliche Transformation nach der Konfrontation mit den inneren Widerständen.

Paul Rebillot hat sein Seminar ursprünglich auf 7 Tage ausgelegt, üblicherweise wird es heute in 6 sehr intensiven Tagen durchgeführt:

1. Tag: Die Lebensumgebung des Helden und sein Ruf (das entspricht der Alltagswelt und dem Ruf bei Campbell)

2. Tag: Der Held (hier tauchen die Teilnehmer in ihren Helden ein und finden Mentoren)

3. Tag: Der Dämon (der Teil ist ausführlicher als bei Campbell, weil es bei Rebillot sehr viel um die inneren Widerstände des Helden geht – symbolisiert durch den Dämon)

4. Tag: Das Instrument der Kraft; die Konfrontation (das Instrument ist ein weiterer „Mentor“; an der Schwelle kommt es zur Konfrontation zwischen Held und Dämon)

5. Tag: Die höchste Prüfung (der Held integriert die Kräfte und Fähigkeiten des Dämons; dann überschreitet er die Schwelle in die unbekannte Welt und erlebt dort seine schwerste Prüfung)

6. Tag: Belohnung und Rückkehr (der Held findet seine Belohnung und kehrt mit all dem Gelernten als Herr zweier Welten in die Alltagswelt zurück)

Die drei wesentlichen Unterschiede zwischen Rebillots und Campbells Struktur:

  • Im Heldenreise-Seminar nach Rebillot verbringen wir einen ganzen Tag damit, den Dämon zu erkunden. Schließlich ist das der innere Anteil des Teilnehmers, der ihn bisher daran hindert, seine Träume/Visionen in die Realität umzusetzen. In den allermeisten Märchen und Mythen erfährt man kaum etwas über die Hintergründe des Drachen (oder wer auch immer der Widersacher des Helden ist).

  • Anders als in Märchen und Mythen tötet der Held den Dämon im Heldenreise-Seminar nicht – der Dämon ist schließlich ein Teil des Helden. Stattdessen integriert der Held den Dämon und macht sich dessen Kräfte und Fähigkeiten zu eigen.

  • Das Überschreiten der Schwelle kommt im Heldenreise-Seminar sehr spät. Rebillot geht es eben nicht um die Abenteuer, sondern um die innere Entwicklung der Teilnehmer. Sein Anliegen ist es, die beiden inneren Pole – symbolisiert durch Held und Dämon – deutlich herauszuarbeiten, damit es am 5. Tag zur Verbindung beider Pole und zur Transformation kommen kann. Dann ist der Held+Dämon in der Lage, sich der höchsten Prüfung, seiner tiefsten Angst, zu stellen.

Autor: Franz Grieser