Fehler machen

Warum es ein Fehler ist, keine Fehler machen zu wollen

Fehler gelten als Zeichen von Schwäche – jemand, der Fehler macht, ist nicht gut in dem, was er tut. Denn man darf keine Fehler machen. Und genau diese Einstellung ist einer der größten Fehler, den wir machen können.

Wir Menschen lernen durch Ausprobieren: Wir probieren etwas und schauen, ob es zum Erfolg führt oder nicht. Wenn es funktioniert, machen wir es wieder. Wenn etwas nicht funktioniert, probieren wir etwas anderes (jedenfalls, wenn wir ein anderes Ergebnis bekommen wollen). Also: Trial and Error, Versuch und Irrtum.

Warum sich Kinder so rasend schnell entwickeln

Stell dir vor, du hättest schon als Krabbelkind versucht, auf keinen Fall Fehler zu machen. Wie hättest du dann das Gehen gelernt oder das Sprechen? Kinder probieren und probieren und geben nicht auf. Kein Kind zählt, wie oft es hingefallen ist. Deshalb verläuft die Entwicklung bei Kleinkindern auch so rasend schnell: Sie machen einen Fehler nach dem anderen, lernen daraus und entwickeln sich weiter. In dem Alter machen sie sich noch keine Gedanken darüber, wie doof es aussieht, wenn sie auf den Hintern plumpsen, oder was andere über sie denken.

Später allerdings lernen wir, wie „man“ mit Fehlern umgeht. Großen Einfluss darauf hat, wie unsere Eltern auf Fehler reagieren. Wenn wir für Fehler kritisiert oder getadelt werden, wenn wir Ablehnung erfahren oder gar bestraft werden, lernen wir daraus, dass Fehler schlecht sind. Wir werden uns dann irgendwann für Fehler selbst verurteilen. Und wir werden nicht die Verantwortung für unsere Fehler übernehmen, sondern Entschuldigungen oder Ausreden suchen und unsere Fehler vielleicht sogar anderen in die Schuhe schieben.

Wer ständig damit beschäftigt ist, Fehler abzuwehren, klein zu reden, Entschuldigungen zu suchen, nimmt sich die Möglichkeit, aus seinen Fehlern zu lernen.

Und er macht sich das Leben unnötig schwer. Denn Fehler lassen sich schlicht und einfach nicht vermeiden. Wer um jeden Preis Fehler vermeiden will, darf sich im Grunde nicht mehr bewegen – denn schon, wenn er sich nur umdreht, könnte er irgendetwas umstoßen, das hinter ihm steht. Deshalb geht er auch möglichst kein Risiko ein, bleibt in seiner Komfortzone – und entwickelt sich so auch nicht weiter.

Entwicklung geht nicht ohne Versuch und Irrtum

Im Beruf, in Gesellschaft anderer oder auch im Privaten betreten wir ja ständig Neuland. Wir können oft gar nicht wissen, was richtig oder falsch ist. Das finden wir manchmal erst heraus, wenn wir aktiv werden – und dann merken: „OK, so funktioniert das nicht.“ Dazu hilft es (mir zumindest), das Tun als Experiment zu begreifen. Bei einem Experiment weiß ich vorher nicht sicher, was das Ergebnis sein wird. Das Experiment bringt möglicherweise nicht das erwünschte Ergebnis – das ist eine wichtige Erkenntnis (und kein Fehler).

Mir ist bewusst, dass Perfektionisten kaum etwas so sehr fürchten wie Fehler, denn für Fehler könnten sie kritisiert werden. Nur: Wie wäre es, wenn du eine neue, eine entspanntere Einstellung zu Fehlern entwickeln könntest? Nur mal angenommen …

Vier gute Gründe für Fehler

  1. Du entwickelst dich weiter
    Wenn du alles tust, um Fehler zu vermeiden, dann wirst du zwangsläufig immer die gleichen Wege gehen – die kennst du, da weißt du, dass du nichts falsch machst. Damit nimmst du dir die Chance, etwas dazuzulernen, dich weiterzuentwickeln.
  2. Du lernst, dass du weniger Angst vor Fehlern haben musst
    Natürlich kann es passieren, dass ein Fehler gravierende Folgen hat. Aber die allermeisten Fehler ziehen keine katastrophalen Konsequenzen nach sich. Auch wenn es komisch klingt: Wenn du viele Fehler machst, wirst du merken, dass die wenigsten wirklich schlimm sind.
  3. Du wirst mehr zustande bringen
    Kaum etwas bremst einen so sehr wie das Streben nach Perfektion. Schließlich dauert es, bis man ins Tun kommt; außerdem muss man alles mehrmals prüfen. Wenn du akzeptierst, dass es Fehler geben kann und dass Perfektion in den allermeisten Fällen gar nicht notwendig ist, dann kannst du dich auf das Wesentliche konzentrieren und deine Aufgaben schneller erledigen, ohne schlampig zu sein.
  4. Du wirst sicherer im Leben stehen
    Wenn du Fehler machst und dazu stehen kannst (statt den Fehler abzustreiten, dich zu rechtfertigen oder die Verantwortung abzuschieben), stehst du mehr zu dir selbst. Du wirst erleben, dass dich Fehler und Rückschläge nicht umwerfen. Dass die Welt nicht untergeht – und dass du dich vor Fehlern nicht fürchten musst.

Ein Experiment

Deshalb: Wo könntest du heute mal riskieren, einen Fehler zu machen?
Natürlich keinen Fehler, der dich oder jemand anderen Kopf und Kragen kostet.

Beobachte dich dabei, wie es dir geht, bevor du den Fehler ganz bewusst machst. Und wie es dir danach geht.

Viel Spaß dabei 🙂

 

Titelbild von Horia Varlan, Bukarest, 2009
Lizensiert unter der Lizenz Creative Commons Attribution 2.0 Generic.

 

 

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