Die Besonderheiten von Gestalt-Aufstellungen

„Worin unterscheiden sich Gestalt-Aufstellungen von Familien- oder anderen Aufstellungen?“ Wenn ich eine Frequently-Asked-Questions-Seite einrichten würde, wäre diese Frage ganz oben auf der Liste.

Ich versuche, die Frage erst in einer kurzen und danach in einer ausführlicheren Fassung zu beantworten.

Wichtig dabei: Ich beschreibe meine persönliche Art, Aufstellungen zu leiten. Andere Gestalt-Aufsteller gehen in Nuancen anders vor. Grundsätzlich lassen wir uns aber von unserer Grundhaltung als Gestalttherapeut*innen leiten.

Zu Gestalt-Aufstellungen

Eine Gestalt-Aufstellung ist eine besondere Form der Aufstellung, die von Karin Guhn-Weiß entwickelt wurde (1) und inzwischen von einigen Gestalttherapeut*innen auf der Grundlage des Gestalt-Verständnisses durchgeführt wird. Und genau das führt zu den Unterschieden zu klassischen Familien- und zu systemischen Aufstellungen.

Wie andere Aufstellungsarten eignen sich auch Gestalt-Aufstellungen dazu,

  • eine Familiensituation oder -konstellation
  • Systeme jeder Art
  • innere Anteile (ausgewählte Anteile oder das innere Team)
  • körperliche Symptome (Krankheiten, Schmerzen)

mithilfe von Stellvertreter*innen in den Raum zu stellen und die einzelnen Elemente miteinander agieren zu lassen.

Mehr zur Vorgehensweise bei Gestalt-Aufstellungen habe ich am Ende der entsprechenden Seite beschrieben.

(1) Karin Guhn-Weiß steht aus meiner Sicht der Schule von Bert Hellinger mit ihrem Gestalt-Verständnis deutlich ferner als beispielsweise der Gestalttherapeut Victor Chu mit seinem „Familienstellen in der Gestalttherapie“.

Die wesentlichen Unterschiede – die Kurzfassung

Was sind nun die wesentlichen Unterschiede?

  • Meine Grundhaltung als Gestalttherapeut lautet: „Was ist, darf sein. Was sein darf, verändert sich“ (Werner Bock). Auf die Aufstellung bezogen heißt das: Ich habe keine vorgefassten Konzepte und Wertvorstellungen, die ich meinen Klient*innen überstülpe – vor allem keine dogmatischen Vorstellungen dazu, wie die Ordnung in einer Familie zu sein hat. Ich gehe mit dem, was ist, ich mache Vorschläge und ziehe sie wieder zurück, wenn sie für die Klient*innen oder Stellvertreter*innen nicht passen. Bei mir muss sich kein Klient vor den Vater oder die Mutter hinknien oder Sätze sagen, die ihm widerstreben.
  • Mein Fokus liegt auf den Klient*innen: Ich arbeite primär mit der Klienten/dem Klienten, weniger mit dem Feld.
  • Für mich ist die Klientin/der Klient Teil des erweiterten Feldes. Ich nehme während der Aufstellung Impulse von ihr bzw. ihm auf und gebe sie ins Feld der Stellvertreter*innen weiter, wenn mir das sinnvoll erscheint.
  • Die Klientin/der Klient kommt nicht erst am Ende der Aufstellung ins System, sondern deutlich früher.

Und hier die ausführlichere Fassung:

Die (gestalt-)therapeutische Grundhaltung

Meine Grundhaltung als Gestalttherapeut lautet: Was ist, darf sein. Was sein darf, verändert sich.

Damit es zu nachhaltiger persönlicher Veränderung kommt, sind nach meiner Erfahrung zwei Dinge notwendig:

  1. die Bewusstheit darüber, was ist
  2. und die Akzeptanz, dass sein darf, was ist

Gemeint ist damit nicht nur die Akzeptanz einzelner Aktionen oder Eigenschaften, sondern letztlich die Selbstakzeptanz. Dieses „Paradox der Veränderung“ genannte Prinzip kennt man nicht nur in der Gestalttherapie. Der Psychotherapeut Carl Rogers hat schon 1961 geschrieben: „Wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin, dann verändere ich mich“.

Was bedeutet „Was ist, darf sein“ für Gestalt-Aufstellungen?

Der erste wesentliche Schritt in der Aufstellung ist, etwas sichtbar und erfahrbar zu machen, etwa die Dynamik in einer Familie. Also: Bewusstheit herstellen über das „was ist“. Das kann in vielen Fällen als Ergebnis einer Aufstellung schon ausreichen, weil diese Bewusstheit zu einer inneren Akzeptanz des Gewesenen und des Gegenwärtigen führen kann. Oder weil nun klar ist, womit die Klientin/der Klient sich in späteren gestalttherapeutischen Sitzungen beschäftigen will.

In der Gestalt-Aufstellung kann nach dem Sichtbarmachen an der Akzeptanz dessen gearbeitet werden, was war bzw. was ist.

Die Grundhaltung von Hellinger und Co.

Die Grundhaltung „Was ist, darf sein.“ zieht sich durch die gesamte Arbeit von Gestalttherapeut*innen. Und hier liegt ein zentraler Unterschied insbesondere zu Familienaufsteller*innen, die von Bert Hellinger geprägt oder beeinflusst sind. Bei klassischen Familienaufsteller*innen erlebe ich immer wieder, dass sie mit festen Vorstellungen über die „Ordnung“ in Familien arbeiten. Bei Hellinger war das eine hierarchische Rangordnung von Höher- und Niedrigerstehenden, bestimmt durch Geschlecht und den Zeitpunkt, wann man Mitglied einer Familie wurde. Verletzungen dieser Rangordnungen haben Hellinger zufolge gravierende Folgen (etwa Krankheiten, Neigung zu Selbstmord oder selbstgefährdendem Handeln). 

Ziel einer Familienaufstellung nach Hellinger ist es, die Ordnung im Familiensystem wiederherzustellen. Und dazu griffen Hellinger und seine Schüler*innen in den Anfangsjahren zu teilweise drastischen Mitteln und Urteilen über die Klient*innen. Oft mussten sich Klient*innen vor die Stellvertreter*innen der Eltern hinknien und sich bei ihnen entschuldigen, auch wenn sie kein Unrecht getan hatten. Oder sie sahen sich zu einer Versöhnung gedrängt (nicht wenige sprachen von „gezwungen“). Es sind etliche Fälle bekannt, in denen das in der Aufstellung Erlebte zu einer (Re-)Traumatisierung der Klient*innen führte.

Die allermeisten Aufstellungsleiter*innen arbeiten heute nicht mehr so rigide und direktiv. Dennoch lassen sie sich sehr häufig von klaren Vorstellungen einer natürlichen hierarchischen Ordnung leiten und geben in Aufstellungen immer wieder Handlungen oder Sätze vor und drängen Stellvertreter*innen, entsprechend zu handeln. Sie meinen zu wissen, was für die Klient*innen das Richtige ist.

Mir ist bewusst, dass die Bandbreite da groß ist, mir geht es auch nicht um Kritik an anderen Aufstellungsleiter*innen. Sondern darum, deutlich zu machen, wie sich meine Art der Aufstellungsleitung davon unterscheidet.

Meine Grundhaltung

Ich weiß nicht, was für die Klient*innen (oder Personen im System) richtig oder falsch ist. Ich habe kein sicheres Wissen, sondern Vermutungen und Impulse. Wenn während einer Aufstellung ein solcher Impuls auftaucht, stark ist und mir nicht völlig unpassend erscheint, teste ich ihn: Ich mache einen Vorschlag an eine der stellvertretenden Personen und bitte sie, beispielsweise einen Satz oder eine Aktion auszuprobieren und zu schauen, ob das stimmig ist. Nicht selten formulieren sie den Satz so um, dass er für sie passt. Wenn mein Vorschlag abgelehnt wird oder für die stellvertretende Person nicht stimmig ist, ziehe ich ihn sofort zurück.

In der Aufstellung verfolge ich kein festes Ziel. Ich gehe mit dem, was auftaucht. Allerdings gleiche ich das Geschehen immer wieder mit dem Anliegen ab, das die Klientin/der Klient zu Beginn formuliert hat. Falls Impulse aus dem System kommen, überprüfe ich für mich, ob sie vom Anliegen wegführen – dann folge ich ihnen eher nicht (außer es ist klar, dass dieser Umweg nötig ist, um zum Anliegen zu kommen).

Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen ich denke, dass es in eine bestimmte Richtung gehen könnte. Dass mir eine bestimmte Richtung als stimmig erscheint. Aber ich forciere das nicht, ich gebe einen kleinen Anstoß in die Richtung und schaue dann, was sich entwickelt. Wenn sich das Geschehen in eine andere Richtung entwickelt: Fein, dann bin ich neugierig, wo es hinläuft.

Mein gesamtes Handeln in der Aufstellung steht unter der Prämisse: Was ist, darf sein.

Anmerkung: Manche Gestalttherapeut*innen, die mit Aufstellungen arbeiten, gehen auch von bestimmten Ordnungen oder Gesetzmäßigkeiten aus, die aber – anders als bei Hellinger – keine Rangordnungen sind. Und vor allem gehen sie nicht davon aus, dass diese Ordnung unbedingt wiederhergestellt werden muss (notfalls mit Druck oder Zwang).

Der Fokus liegt auf der Person, die aufstellt

Bei Gestalt-Aufstellungen steht die Klientin, der Klient im Fokus, als Leiter der Aufstellung arbeite ich primär mit ihm oder ihr. In anderen Aufstellungsarten wird primär mit dem Feld gearbeitet.

Zwar sagen auch Aufsteller*innen anderer Schulen, dass sie während der Aufstellung „immer ein Auge“ auf die Klientin/den Klienten haben. Nach meiner Beobachtung passiert es jedoch öfter, dass die Klientin/der Klient rasch aus dem Blick gerät, wenn sich im Feld etwas tut.

Für mich ist die Person, die ihr Anliegen aufstellt, Teil des erweiterten Feldes. Als Leiter habe ich die Person immer in der Wahrnehmung. Was die Person „draußen“ tut, beeinflusst mit, wie ich als Leiter im Feld agiere.

Das Feld dient bei Gestalt-Aufstellungen dazu, zuerst einmal Konstellationen und Dynamiken im aufgestellten System sichtbar zu machen. Sobald die Aufstellung steht und ich die Stellvertreter*innen befragt habe, gehe ich zur Klientin/zum Klienten und frage, was das bei ihr/ihm auslöst. Das geschieht wie in einer gestalttherapeutischen Sitzung, also im Kontakt mit dem Gegenüber, mein Fokus liegt auf den Emotionen, die das Gesehene und Gehörte auslöst.

Während der Aufstellung interagiere ich als Leiter immer wieder mit der aufstellenden Person – wenn sich im Feld etwas getan hat oder auch wenn ich sehe, dass sie gerade vom Geschehen besonders berührt ist.

Impulse durch die aufstellende Person

Nicht selten kommen von der aufstellenden Person Impulse, während sie noch draußen sitzt. Das kann etwas sein, was dieser Person ein- oder auffällt. Das können auch zusätzliche Informationen sein, die sie mir als Leiter gegenüber äußert. Wenn es (zum Anliegen) passend erscheint, gebe ich den Impuls ins Feld, um zu sehen, ob und wie er sich auswirkt.

Wann und wie die Klientin/der Klient in das Feld kommt

Die Klientin/den Klienten lade ich meist spätestens im letzten Drittel einer Aufstellung ein, ins Feld zu kommen. Dabei orientiere ich mich an der Person, die sie bzw. ihn in der Aufstellung vertritt: Hat er oder sie in der Aufstellung einen aus meiner Sicht entscheidenden Schritt getan, bitte ich die Klientin/den Klienten, sich hinter die stellvertretende Person zu stellen; später tauschen sie auch die Plätze.

So hat die aufstellende Person die Möglichkeit, nicht nur durch Zusehen, sondern körperlich und emotional wahrzunehmen, welche Veränderungen sich ergeben haben. Falls die Stellvertretung emotional schon weiter ist als der/die Aufstellende, kann sie ihr „Wissen“ symbolisch an sie/ihn übergeben. Auch wenn die Klientin/der Klient im System ist, bleibt die stellvertretende Person dabei. Je nach Konstellation ist sie mal Ressource oder Unterstützung, mal zusätzliche Informationsquelle.

Wenn die Klientin/der Klient relativ früh in das Feld eintritt, kann das den Prozess intensivieren. Insbesondere wenn sie/er in Kontakt mit Stellvertreter*innen ihrer Eltern tritt.

Darüber hinaus kann sie/er so – zusammen mit der stellvertretenden Person – die nächsten Schritte in der Aufstellung selbst gehen und die Auswirkungen am eigenen Leib erfahren.

Fazit

Die beiden grundlegende Unterschiede, aus denen sich alle weiteren Unterschiede ergeben, sind also

  • meine akzeptierende Grundhaltung
  • und mein Fokus auf die Klientin/den Klienten, die/der für mich zum erweiterten Feld zählt

 

Das Fotos stammen von den Pixabay-Nutzern tiburi, pgbsimon, Skitterphoto und Adina Voicu.

2 Gedanken zu „Die Besonderheiten von Gestalt-Aufstellungen

  1. Heide Liebmann

    Lieber Franz, das klingt sehr spannend und gleichzeitig äußerst wertschätzend. Ich wünschte mir, dass alle Aufstellungen mit dieser Grundhaltung durchgeführt würden. Dieses moraltheologische Konzept von Bert Hellinger ist mir definitiv zu rigide und fremdbestimmt.

    Antworten

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