Wie dir die VW-Regel hilft, konstruktiv mit Vorwürfen umzugehen

Ob in der Partnerschaft, in der Familie oder auch am Arbeitsplatz: Menschen verschwenden viel Zeit und Energie damit, einander Vorwürfe zu machen. Diese Art des Umgangs miteinander ist wenig konstruktiv, oft sogar destruktiv.

Der Witz dabei: Manche der Vorwürfe, die einer von beiden Beteiligten „hört“, sind gar nicht als Vorwurf gemeint. Dennoch reagiert er (oder sie) häufig mehr oder weniger aggressiv auf den vermeintlichen Angriff. Und schon entsteht ein Streit.

Dabei steckt laut Manfred Prior (dem Autor des tollen Büchleins MiniMax-Interventionen) hinter jedem Vorwurf ein Wunsch – daher die Bezeichnung VW-Regel (Vorwurf – Wunsch).

Das schreibt Prior zwar nicht explizit: Aber auch hinter einem Satz, der beim Gegenüber als Vorwurf ankommt, aber nicht als Vorwurf gedacht war, steckt sehr häufig ebenfalls ein Wunsch.

Ein Beispiel

  • „Gestern hast du schon wieder den Müll nicht rausgebracht.“ Das ist ein Vorwurf.*
  • „Bringe bitte (wie vereinbart), den Müll raus, wenn der Beutel voll ist.“ Das könnte der Wunsch sein, der hinter dem Vorwurf steckt.

* Anmerkung: Natürlich könnte der Satz „Gestern hast du …“ auch einfach nur eine Feststellung sein. Aber mit einem genervten Tonfall oder höherer Lautstärke vorgebracht, ist er höchstwahrscheinlich als Vorwurf gedacht. Das legt auch die Formulierung „schon wieder“ nahe.

Wie auf einen (wahrgenommenen) Vorwurf reagieren?

Statt in die Luft zu gehen, statt sich zu verteidigen oder das Gegenüber anzugreifen, ist es weit hilfreicher:

  • davon auszugehen, dass hinter dem Vorwurf ein Wunsch steckt
  • und den Wunsch direkt anzusprechen oder nach dem Wunsch zu fragen.

Noch ein Beispiel:

Ein Kollege pampt dich an: „Du hast schon wieder vergessen, das Protokoll gleich nach dem Meeting zu schicken.“

Statt dich zu verteidigen („Ich hab’s nicht vergessen, ich bin nur noch nicht dazu gekommen.“) oder in Angriff zu gehen („Du hast doch gestern auch vergessen, …“) lässt sich der sich anbahnende Streit entschärfen, wenn du beispielsweise ruhig und interessiert fragst:

„Wieso ist es dir so wichtig, das Protokoll gleich nach dem Meeting zu bekommen?“

Wenn in einem anderen Fall der dahinterstehende Wunsch nicht so klar ist wie im Beispiel, kannst du auch fragen:

„Was genau wünschst du dir?“ oder „Was ist dein Wunsch?“

Oder du greifst den Satz auf, der bei dir als Vorwurf ankommt, und baust ihn in eine Frage ein:

V: „Wir verbringen überhaupt keine Zeit mehr miteinander.“

W: „Du wünschst dir also, dass wir wieder mehr Zeit miteinander verbringen?“ Oder: „Du wünschst dir, dass wir (wieder) mehr gemeinsam unternehmen?“

Häufig fühlt sich dein Gegenüber dann verstanden und mit seinem Wunsch gesehen. Und schon kann es konstruktiv weitergehen.

Es kann natürlich passieren, dass dein Gegenüber weiterhin aufgebracht ist und sich vielleicht sogar auf den Arm genommen fühlt. („Natürlich, was denn sonst?“ oder so ähnlich könnte die Reaktion lauten). Dann ist es wichtig, weiter im Deeskalationsmodus zu bleiben und – je nach Situation – zum Beispiel einen konkreten Vorschlag zu machen, wie der (vermutete) Wunsch erfüllt werden könnte.

Die hohe Kunst der Kommunikation: Formuliere Wünsche statt Vorwürfe

Auch wenn der Ärger über eine Unterlassung oder eine Handlung verständlich ist: Vorwürfe führen selten dazu, dass die dahinterstehenden Wünsche auf eine positive Weise erfüllt werden.

Statt also erst einmal den Ärger beim Gegenüber abzuladen, ist es erheblich konstruktiver und zielführender, den Wunsch direkt zu formulieren. Auch wenn du es gefühlt schon hundert Mal gesagt hast.

Buchtipp

Hier noch die Infos zu Manfred Priors Buch, das aus meiner Sicht für alle zu empfehlen ist, die andere Menschen coachend, therapierend, beratend oder unterrichtend begleiten:

Manfred Prior: MiniMax-Interventionen
Carl Auer Verlag, 12,95 Euro

Ich verlinke bewusst nicht Amazon, sondern den Online-Shop der Autorenwelt, bei dem Du Bücher genauso schnell und genauso ohne Versandkosten erhältst – ohne aber einen Milliardär noch reicher zu machen. Das ist kein Affiliate-Link, ich habe keinerlei Vorteile aus der Verlinkung.

Bildquelle

Das Titelfoto stammt von Annie Spratt (via Unsplash).

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.